Esther kommt!
Sie rief vorhin an und lud sich auf einen Kaffee ein, genauso wie sie es immer tut, nämlich mit Ich komm´ mal auf einen Kaffee vorbei.
Keine Frage, ob ich Zeit hätte, oder Lust, ob nicht vielleicht schon jemand anderes auf einen Kaffee vorbeikommen würde. Nein, Esther fragt nicht, Esther schafft Tatsachen.
Also hetze ich durch die Wohnung, sauge, wische, spüle, entferne Zahnpastaspritzer aus dem Waschbecken und verwandele mein Heim aus dem Normal- in einen Esther-Zustand.
Eigentlich ist die Regel ganz einfach: Je enger eine Freundschaft ist, desto schlimmer dürfen Wohnung und Inhaber aussehen, ohne dass eine Rechtfertigung nötig wäre. Richtig gute Freunde: Das geht sogar in Unterwäsche und mit ungeputzten Zähnen, am Morgen nach einer Party.
Esther setzt solche Regeln außer Kraft. Esther und eine verlebte Wohnung, das passt nicht. Esther: das ist Hochglanzmagazin, meine Wohnung eher Bildzeitung. Und ich: irgendwo dazwischen.
Trotzdem kommt sie vorbei, in einer halben Stunde. Und es wird so sein wie immer. Sie wird klingeln, ich werde die Tür aufmachen, sie wird umwerfend aussehen und lächeln, so wie Esther immer lächelt, und sie wird mich umarmen, mit lautem Hallo. Während ich dann einen Kaffee aufsetze, wird sie durch die Wohnung gehen und alles Mögliche anfassen. Die Spurensicherung der Polizei könnte nach einem Besuch von Esther eine Million Fingerabdrücke von ihr entdecken, auf Fotos, Büchern und auf CDs. Überall wären viele kleine Estherspuren zu finden.
Reden wird sie nur auf Nachfrage. So läuft das Spiel, so sind die Regeln.
Etwas später werden wir dann am Küchentisch sitzen und sie wird mit beiden Händen die Kaffeetasse festhalten, als würde sie frieren, dabei ins Rehbraune pusten, bis ihr der Kaffee zu kalt ist, die Kaffeetasse wieder wegstellen und in ihren rotblonden Zöpfen rumfingern, den Kopf dabei ein wenig zur Seite gelegt.
Esther weiß eigentlich, dass ihre großen Kleinkindaugen und ihr Kleinkindblick und ihr Kleinkindschmollmund bei mir keine großartigen Reaktionen hervorrufen, aber ich glaube sie kommt aus ihrer Kindchenrolle einfach nicht mehr raus.
Und da Esther nicht gut darin ist, ein Gespräch vom Zaun zu brechen, und mir ihr ständiges aufs-Handy-gucken auf die Nerven geht, werde ich sie irgendwann fragen müssen, was die Liebe macht und dann wird ein kaum merkbares Zucken über ihr fantastisches Gesicht huschen. Sie wird sagen Wieso, was soll schon sein. Und ich dann: Na, weil du zum Kaffee gekommen bist. Ihr Gesicht wird sich verziehen, wieder dieses Kindchenschmollen, um dann schlagartig einen ernsten Ausdruck anzunehmen.
Schweigen.
Dann: Warum?
Sie wird einfach nur Warum fragen, die erste Silbe dabei in die Länge ziehen. Und bevor ich antworten kann, weil ich ja genau weiß, worauf sich dieses Warum bezieht, weil bei Esther halt immer alles auf dieses Warum hinausläuft, weil Esther immer nur zum Kaffee kommt, wenn sie dieses Warum-Gefühl hat, noch bevor ich überhaupt einen einzigen Gedanken aussprechen kann, wird sie in einen Monolog verfallen.
Es wird um irgendeinen Typen gehen – Patrick, Mario, Michael, ganz egal –, der sich in mindestens 20 Fällen nicht estherkonform verhalten hat. Manchmal kommen mir diese Männernamen bekannt vor, aber ich werde keine Möglichkeit haben nachzufragen, denn es ist schwierig sie zu unterbrechen, wenn sie ihren Warum-Monolog hält. Mein Part wird sich darauf beschränken verständnisvoll zu nicken und ihr rhetorisches Wieso gerate ich immer an solche Typen mit einem mitleidigen Blick zu flankieren.
Weinen wird Esther nicht, vielleicht würde sie es tun, wenn ich eine Frau wäre, ihre beste Freundin zum Beispiel, aber dann würden wir nicht in der Küche sitzen, sondern auf einem Sofa unter einer Decke mit einem riesigen Topf Eis und im Fernsehen würde Schlaflos in Seattle laufen. Aber ich bin ein Mann, ein guter Freund zwar, aber ein Mann, und vor Männern weint Esther nicht, sagt sie, weil sie sich nicht von Männern klein machen lässt. Ich glaube es liegt eher daran, dass sie ihren makellosen Lidstrich nicht gefährden will, zumindest nicht vor einem Kerl.
Irgendwann wird sie sich dann etwas beruhigt haben, noch einmal zur Tasse greifen, einen Schluck nehmen und angewidert das Gesicht verziehen, weil der Kaffee natürlich immer noch kalt ist. Nach einem Blick auf ihr Handy wird sie sagen Ohje, schon so spät und dieses Ohje zieht sie genau so in die Länge wie ihr Warum. Dann ist sie wieder das kleine Mädchen Esther. Esther, die natürlich noch hundert andere Sachen zu erledigen hat und schnell weiter muss.
Beim Rausgehen kommt das übliche Wir müssen uns echt häufiger sehen und ich werde nicken und sagen Ja auf jeden Fall, bevor sie lächelnd wie immer die Treppe hinunterhüpft und natürlich selbst dabei umwerfend aussieht.
Es klingelt.
Esther kommt.
Sie trägt eine Pudelmütze mit Ohrenklappen. Die sind in diesem Winter unheimlich angesagt.